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die zeitung der albert-ludwigs-universität freiburg www.leben.uni-freiburg.de 01 2018 rückkehr: alumnus anselm kiefer besucht freiburg > s. 3 rückgang: wilderei auf elefanten in ostafrika nimmt ab > s. 4 rückzug: eintauchen in die chinesische teetradition > s.9 rhythmus der rebellion rhythmus der rebellion schwitzen zum beat: ausgelassene stimmung im „waldpeter“, der schwarzwälder kultdisco der 1980er jahre. fotos: dirk pfersdorf, cpro/fotolia in den 1970er und 1980er jahren versprachen diskotheken im schwarzwald freiheit und ungezwungene flirts von judith burggrabe laute musik mit viel bass, kleine, fröhliche lichtpunkte, die über die wände tanzen, wa- bernde nebelschwaden und mit- tendrin – dicht gedrängt – feiernde jugendliche aus den umliegenden dörfern des schwarzwalds. „die disco der 1970er jahre versprach freiheit“, sagt dr. dr. michael fischer vom zentrum für populäre kunst und musik (zpkm) der uni- versität freiburg. diskotheken seien ein ort zum kennenlernen, flirten und anbahnen von freundschaften oder sexuellen begegnungen ge- wesen. seit einer anfrage für einen vortrag zur musikkultur der 1980er jahre forscht der zpkm-leiter über ländliche diskotheken im schwarz- wald. er hatte spontan zugesagt, ohne zu ahnen, dass es gar kein material zu dem thema gab. ein- fach zu einem buch greifen und nachlesen ging nicht. „hier war ori- ginäre forschungsarbeit mit archiv- besuchen gefragt.“ auch interviews mit zeitzeuginnen und zeitzeugen standen auf der agenda. noch heute sucht fischer personen, die bis in die frühen 1990er jahre in schwarzwälder discos mehr oder weniger zu hause waren – ob als gäste, discjockeys, betreiber oder mitarbeitende. das discoflair lag bereits mitte der 1970er jahre bundesweit in der luft. für den endgültigen durch- bruch sorgte der film „saturday night fever“, der im dezember 1977 in die kinos kam. ende der 1950er jahre hatten die ersten lokale be- gonnen, ihre gäste mit schall platten zu unterhalten. für die besucherin- nen und besucher hatte das den vorteil, dass sie stets die original- band hörten – schon beim rock’n’roll war das ein wichtiges argument für den kauf einer platte gewesen. und für die wirtinnen und wirte waren schallplatten und ein discjockey, der aufl egte und moderierte, günsti- ger als eine band. die zahl der dis- kotheken wuchs in den folgenden jahren rasant. um 1980 gab es be- reits zwischen 8.000 und 9.000 be- triebe. „gerade im ländlichen raum gab es wenig alternativen zu diesem jugendaffinen freizeit- angebot. die discos sollten jugendliche in infrastrukturell eher unterversorgten und bis dato gesell- schaftlich traditionell geprägten ge- bieten ansprechen“, sagt fischer. für die jugend waren die neuen tanzlokale äußerst attraktiv. auf- grund der lauten musik blieben die erwachsenen weg, sodass ein raum nur für jugendliche entstand, der eine gewisse autonomie ver- sprach. allerdings brachte das auch kulturelle konfl ikte mit sich. in einer tanzbar in freudenstadt beispiels- weise gab es zwischen den disco- besuchern und den anwohnerinnen und anwohnern streit wegen lärm- belästigung. die anrainer schickten beschwerdebriefe an die gemeinde und echauffi erten sich über türen- schlagen, lautes reden, exzessives rauchen und vieles mehr. die älte- ren störte nicht nur der lärm, son- dern die gesamte jugendkultur. sie verstanden nicht, was die jungen menschen in den discos suchten. „in den beschwerdebriefen hieß es unter anderem, die jungen leute der „waldpeter“ in schönwald zeigt sich mit viel dunklem holz und glitzernden discokugeln. foto: dirk pfersdorf sollten doch lieber im kurgarten unkraut jäten. klar, dass die jugendlichen dazu keine lust hatten und rebellierten“, so fischer. symbol schwarzwaldbus ein weiteres problem war, dass es in dieser zeit wegen alkoholkon- sums zu zahlreichen unfällen, oft mit todesfolge, kam. da das ein- zugsgebiet angesagter diskotheken teilweise sehr groß war, mussten die jugendlichen mobil sein, um abends weggehen zu können. eine gemeinde setzte deshalb einen schwarzwaldbus ein, der über ver- schiedene dörfer fuhr, die jugendli- chen einsammelte und sicher zur disco brachte. doch was den eltern zupass kam, stieß bei den jugend- lichen auf wenig begeisterung. „für sie war der bus hochgradig spießig, und sie nutzten ihn kaum, sodass das angebot wegen mangelnder nachfrage wieder eingestellt wer- den musste.“ die anekdote zeigt laut fischer die symbolhaftigkeit des ganzen. „der bus hat quasi auf symbolischer ebene versagt, weil er dem freiheitsgefühl der jugendli- chen widersprach.“ ein weiterer diskussionspunkt – auch auf politischer ebene – waren drogen. diskotheken stan- den im verdacht, ein umschlagplatz für kokain und marihuana zu sein. führten zu „es herrschte die ansicht, man ste- he mit einem bein schon im grab, wenn man eine disco besuchte. oft hieß es auch, die jugend werde durch drogen, alkohol und unange- messene musik verdorben.“ diese zwistigkeiten teils kuriosen, teils amüsanten aktionen: die polizei veranstaltete tanzpartys und klärte vor ort über drogen auf; ein lokal in waldkirch wiederum machte über durchsagen auf die von drogen ausgehenden gefahren aufmerksam und verteilte hand- zettel. zudem sollte musik mit drogenaffinen texten möglichst nicht gespielt werden. in den 1990er jahren schwächte sich das discofi eber merklich ab. im vergleich zu den diskotheken agie- ren die clubs von heute viel differenzierter und sprechen ihr publikum recht passgenau an, erläutert fischer. häufig gibt es mehrere räume, in denen zu unter- schiedlicher musik getanzt werden kann – rustikalität wird dabei kaum noch geboten. „heute sind es die 40- bis 60-jährigen, die die ländli- che populärkultur von damals nostalgisieren – bei revival-partys oder in den sozialen medien.“  www.zpkm.uni-freiburg.de