die zeitung der albert-ludwigs-universität freiburg www.leben.uni-freiburg.de 01 2017 aufstieg: neue wege für akademische karrieren > s. 2 abriss: formen der muße aus acht jahrhunderten > s. 6 abfahrt: medaillen im alpinen para-skisport > s. 12 leben in längenloh studentische gemütlichkeit: die wg aus haus nummer zwei hat sich in der küche versammelt. fotos: ingeborg lehmann im freiburger norden teilen sich studierende und geflüchtete eine unterkunft – ein besuch im wohnheim sind, kamen kurz vor semesterstart mitte oktober 2016 dazu. ursprüng- lich sollte das sozialprojekt mit dem wintersemester enden. im januar 2017 hat die stadtverwaltung den studierenden noch ein weiteres se- mester zugestanden. danach soll allerdings schluss sein. der grund: neue bestimmungen schreiben vor, dass baden-württemberg seinen flüchtlingen künftig etwa sieben quadratmeter mehr wohnfl äche je person zugestehen muss. zufällig und geplant in der riesigen wohnküche im ersten stock von haus nummer zwei herrscht studentische gemüt- lichkeit. neben der spüle stapelt sich das geschirr. an einer wand steht ein sofa, auf dem vier junge frauen sitzen, eine mit angezoge- nen beinen. ist wärmer so. zwei weitere sitzen am küchentisch. sie erzählen, wie froh sie sind, dass sie erst einmal in längenloh blei- ben dürfen. „uns gefällt es hier“, sagen sie. angst vor flüchtlingen? „nie gehabt.“ statt nebeneinander- her lebe man hier miteinander, so nina allard. die anderen nicken und berichten von partys, die man hier mit den neuen nachbarinnen und nachbarn feiere, zum einzug, zu nikolaus oder einfach nur so. „na, und dann das gemeinsame plätzchenbacken mit den kindern“, wirft chiara möser ein. plötzlich hätten sechs kinder in der küche gestanden, die erst helfen wollten, dann aber doch lieber abgespült hätten. dass das spülwasser da- nach nicht nur im becken, sondern auch auf dem boden der wg-küche gewesen sei, habe keinen geküm- mert. viel miteinander zwischen studierenden und geflüchteten passiert in längenloh zufällig. zum beispiel, wenn man auf dem weg zur straßenbahn miteinander ins gespräch komme oder spontan von einer flüchtlingsfamilie zum abend- essen eingeladen werde, berichtet allard. nach der plätzchenback- aktion sei das so gewesen. „eigent- lich wollten wir die kinder nur nach hause begleiten, und schon saßen von stephanie streif längenloh – das klingt nach schwedischer blockhausidylle, knorrigen obstbäumen und hüft- hohem gras. wie bullerbü oder lönneberga könnte längenloh ei- nes von astrid lindgrens kinder- paradiesen sein. ist es aber nicht. längenloh nord liegt in freiburgs stadtteil zähringen, direkt an der gundelfi nger straße. gegenüber ein einkaufsmarkt, daneben eine tankstelle. eine ziemlich stark be- fahrene gegend. wer zu der am rande des gewerbegebiets liegen- den wohnanlage will, braucht auch kein weißes gartentürchen aufzu- stoßen: ein paar steinstufen führen an einem metallzaun entlang nach oben. willkommen in längenloh, einer von 21 flüchtlingsunterkünf- ten in freiburg. und der einzigen flüchtlingsunterkunft der stadt, in der auch studierende wohnen dürfen. längenloh ist ein modellprojekt. das studierendenwerk freiburg- schwarzwald und der helferkreis zähringen sind kooperationspartner. integration, so die idee hinter dem vorhaben, fängt beim wohnen an, denn containerdörfer, in denen geflüchtete an der peripherie der gesellschaft leben, gibt es schon mehr als genug. „längenloh soll zei- gen, dass es auch anders geht“, sagt renate heyberger, stellvertretende geschäftsführerin des studierenden- werks. vergangenen august sind 150 gefl üchtete in die wohnblocks eingezogen, darunter viele kinder. die 72 studierenden, die in zwei der sieben blocks untergebracht bunte bastelstunde: jede woche steht ein spielenachmittag auf dem programm. wir bei der familie am tisch und bekamen ein leckeres essen vorge- setzt.“ schön sei das gewesen. „so offen, so spontan.“ aber nicht jede begegnung wird in längenloh dem zufall überlassen. soziales enga- gement ist teil des projekts. studie- rende geben sprachunterricht und handarbeitskurse, erledigen mit den gefl üchteten behördengänge oder organisieren für die kinder der wohnanlage spielenachmittage. weiter gibt es eine garten-, eine fußball-, eine trommelgruppe und – was in freiburg natürlich nicht fehlen darf – eine fahrradwerkstatt. die meisten projekte in längenloh hat der zähringer helferkreis ge- plant und angeschoben. und die studierenden tun mit – manche, weil sie sich dazu verpfl ichtet ha- ben, andere, weil sie gerade zeit und lust haben. chiara möser zum beispiel orga- nisiert als eine von fünf tutorinnen die kinderbetreuung und hat sich mit dem einzug verpflichtet, 20 stunden im monat die ehrenamtli- chen zu koordinieren. dafür erhält sie ein honorar vom studierenden- werk. sie sei auch schon vor ihrer ankunft in freiburg in der flücht- lingshilfe aktiv gewesen, sagt sie. jana zickler auch. als sie sich noch von bonn aus auf wohnungssuche in freiburg gemacht habe, sei sie im internet über längenloh gestolpert. ihr erster gedanke: „das ist es, das will ich.“ also bewarb sie sich um einen wohnheimplatz. 25 der insgesamt 72 studierenden wurden als ehrenamtliche in einem geson- derten verfahren ausgewählt. mehr als 400 bewerbungen seien einge- gangen, erinnert sich gernot kist vom studierendenwerk. ausgewählt wurden studierende, die über er- fahrungen in der flüchtlingshilfe oder in anderen ehrenamtlichen tätigkeiten verfügen. „wir haben aber auch studierende berücksich- tigt, die sehr gut begründen konn- ten, warum sie ausgerechnet nach längenloh wollten“, führt kist aus. auszug im sommer die arbeit der studentischen eh- renamtlichen koordinieren die tuto- rinnen und tutoren. treffen mit dem studierendenwerk, dem helferkreis, der stadtverwaltung und dem sozial- dienst vor ort, der caritas, gibt es obendrein. längst engagieren sich in längenloh auch studierende, die ei- gentlich gar nicht müssten. wie jessi nicholson. ihr wohnheimplatz ist an kein ehrenamt gekoppelt. trotzdem hilft sie mit – mal beim deutschkurs für mütter und kinder, mal beim spielmobil, das jeden zweiten mitt- woch aufs gelände kommt. die trennung zwischen denen mit und denen ohne ehrenamt existiere so nicht mehr, bestätigt möser. „das macht die räumliche nähe.“ fragt sich, was wird, wenn die studierenden nach dem sommer- semester 2017 ausziehen müssen. möser glaubt, dass sie dann nicht mehr oft nach längenloh kommen wird, schon der lage wegen, im- merhin sei das hier stadtrand. um- sonst war trotzdem nichts. alle eh- renamtlichen haben nach auslaufen des längenloh-projekts einen platz in einem studierendenwohnheim sicher. auch das ist teil ihres ver- trags. außerdem denkt die stadt freiburg bei der planung einer neu- en flüchtlingsunterkunft jetzt auch studentisches wohnen mit. längen- loh sei dank.